Studie zur neuen Zahlungsdiensterichtlinie PSD2

05.06.2019 20:48
Online-Händlern drohen Milliardenverluste durch die starke Kundenauthentifizierung
Online-Händler müssen sich auf eine neue EU-Richtlinie einstellen: Am 14. September 2019 tritt die EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 in Kraft. Die Richtlinie macht unter anderem die sogenannte Zwei-Faktor-Authentifizierung bei Online-Einkäufen zur Pflicht. Online-Händler selbst werden dafür voraussichtlich keine Änderung an ihrem Shop vornehmen müssen, da die Umsetzung dieser Vorgabe Aufgabe der Zahlungsdienstleister ist (wir berichteten).
Trotzdem könnte die neue Richtlinie spürbar negative Auswirkungen auf den Online-Handel haben: Eine aktuelle Studie der Payment-Plattform Stripe und 451 Research prognostiziert der europäischen Online-Wirtschaft Mindereinnahmen in Höhe von 57 Milliarden Euro in den ersten zwölf Monaten nach Inkrafttreten der PSD2. Im Rahmen der Studie wurden 500 qualifizierte Zahlungsexperten aus Online-Unternehmen und 1.000 Verbraucher in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und Spanien befragt.
Vor allem kleinere Unternehmen sind unvorbereitet
Nur 40 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass sie darauf vorbereitet sind, die Anforderungen zu erfüllen. Vor allem kleine Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern seien mit der SCA (Strong Customer Authentification) genannten Zwei-Faktor-Authentifizierung nicht vertraut, planen nicht, vor September regelkonform zu arbeiten, oder sind unsicher, wann sie die neuen Vorgaben umsetzen können. In großen Unternehmen mit über 5.000 Mitarbeitern sei es dagegen nur einer von 25 Zahlungsexperten, der sich nicht über die anstehenden Änderungen im Klaren ist.
„Die SCA-Richtlinie ist ein einschneidendes Ereignis für den europäischen digitalen Handel, das umfassende Änderungen nach sich zieht“, erklärt Jordan McKee, Analyst bei 451 Research. „Viele Unternehmen – insbesondere kleinere – haben die weitreichenden Auswirkungen noch nicht vollständig erfasst.“
Ausnahmen für die zusätzliche Authentifizierung
Viele Unternehmen beabsichtigen laut der Stripe-Studie, die Anzahl der Kaufabschlüsse zu reduzieren, bei denen eine zusätzliche Authentifizierung nötig sein wird – dazu zählen beispielsweise wiederkehrende Zahlungen oder Beträge von unter 30 Euro. Der Studie zufolge werde der Verwaltungsaufwand hier aber von den Unternehmen unterschätzt: 50 Prozent der Befragten wollen das Management komplett intern übernehmen. So sei es für kleinere Unternehmen sehr komplex zu erfassen, wie Kartennetze und tausende Banken in ganz Europa die Ausnahmeregelungen anwenden werden.
„So sind beispielsweise Käufe unter 30 Euro von SCA ausgenommen – aber sobald ein Kunde fünf solcher Transaktionen durchgeführt hat bzw. mehrere kleine Transaktionen im Gesamtwert von über 100 Euro tätigt, fordert dessen Bank eine zusätzliche Authentifizierung ein, ansonsten wird die Zahlung abgelehnt“, heißt es in der Studie.
Kunden werden mit einem weiteren Hindernis konfrontiert
Stripe zufolge werde die neue Richtlinie „die geringe Toleranz von Verbrauchern gegenüber schwierigen Bezahlprozessen verschärfen“, wodurch die Zahl der Kaufabbrüche steigen könne. Ohnehin seien nur 47 Prozent der europäischen Verbraucher der Meinung, dass Online-Kaufprozesse heute sehr einfach sind. 74 Prozent der „Generation Z“-Kunden, also der 15- bis 25-jährigen, haben im vergangenen halben Jahr einen Online-Kauf aufgrund eines unbefriedigenden Kaufprozesses abgebrochen.
Die neue Richtlinie könnte dieses Problem nach Ansicht der Studienmacher verschärfen, da sich 73 Prozent der Käufer der neuen Authentifizierungsanforderungen nicht bewusst sind. Sie stehen dann ab September vor einem für sie unerwarteten zusätzlichen Authentifizierungsprozess, der sie zum Kaufabbruch verleiten könnte.
 Autor: Michael Pohlgeers

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